Wer hielt im 4.Jh. den ersten Weinbau in Bordeaux fest, und was zeigt dies?
Der römische Dichter Ausonius erwähnte um 350n.Chr. einen kleinen Weinberg (~0,25ha) in Bordeaux. Dies ist der erste Nachweis von Weinbau dort, aber Bordeaux ist nicht die älteste Weinregion Frankreichs (z.B. Rhônetal schon ~100n.Chr.).
Warum war Bordeaux schon früh eine bedeutende Handelsstadt für Wein?
Bordeaux war eine wichtige Hafenstadt und diente bereits im Mittelalter als Lager- und Umschlagplatz, u.a. für Salz und Weine aus dem ganzen Südwesten Frankreichs (z.B. Bergerac, Cahors), die von dort verschifft wurden.
Warum gab es im Mittelalter im Médoc noch keinen Weinbau?
Das Médoc war bis ins 17.Jahrhundert ein Sumpfgebiet und ungeeignet für Weinbau. Erst nachdem holländische Ingenieure das Médoc im 17.Jh. entwässerten, konnten dort Weinberge angelegt werden.
Welche Heirat im 12.Jh. legte den Grundstein für den englischen Durst nach Bordeaux-Wein?
1152 heiratete Eleonore von Aquitanien den späteren englischen König HeinrichII. (Henry Plantagenet). Dadurch wurde Aquitanien (mit Bordeaux) englisches Lehen und eine enge Handelsverbindung zwischen Bordeaux und England entstand.
Welche Maßnahmen ergriff König Johann Ohneland, um Bordeaux’ Bürger für sich zu gewinnen?
Johann Ohneland (König von England 1199–1216) gewährte Bordeaux zahlreiche Privilegien – etwa den Erlass der Ausfuhrzölle auf Wein – und begünstigte Bordelaiser Händler in London. So wurde Bordeaux Englands wichtigster Weinlieferant, besonders nachdem 1224 der konkurrierende Hafen LaRochelle wieder an Frankreich gefallen war.
Was geschah nach dem Hundertjährigen Krieg (1453) mit Bordeaux’ Weinhandel?
Nachdem Aquitanien 1453 wieder französisch wurde, verlor Bordeaux den englischen Sonderstatus, entwickelte sich aber dennoch zum größten Weinhandelsplatz. Im Gegensatz etwa zum Burgund dominierten weltliche Kaufleute (aus England, Holland, Deutschland etc.) den Weinhandel statt Klöster.
Was bezeichnete man im Mittelalter in Bordeaux als “Clairet” und welchen Begriff prägte dies in England?
Clairet war ein hellroter Wein im Mittelalter, gekeltert aus zusammen vergorenen roten und weißen Trauben. Englische Händler machten daraus den Begriff “Claret”, der bis heute als Bezeichnung für Bordeaux-Rotwein im englischen Sprachraum dient.
Welchen Einfluss hatten die Holländer im 17.Jh. auf die Entwicklung des Médoc?
In Bordeaux ansässige Holländer legten im 17.Jh. Drainagen im Médoc an und entwässerten das Sumpfgebiet. Damit schufen sie die Grundlage dafür, dass das Médoc ein bedeutendes Weinbaugebiet wurde (zuvor kamen die meisten "Bordeaux-Weine" aus Graves).
Welche berühmten Bordeaux-Châteaus existierten bereits im 17.Jh.?
Château Haut-Brion in Graves bestand schon im Mittelalter und war für seine Rotweine bekannt. Im späten 17.Jh. wurden im Médoc wahrscheinlich die heute berühmten Châteaux Lafite, Latour und Margaux gegründet. Bereits kurz nach Gründung von Christie’s (Auktionshaus, 1766) sind ihre "Claret"-Weine im Handel dokumentiert.
Wie entstand das Handelssystem der Négociants in Bordeaux?
Im 17.und 18.Jahrhundert entwickelte sich in Bordeaux ein dreistufiges Handelssystem: Winzer verkauften an Weinmakler (Courtiers), die an Handelshäuser (Négociants) vermittelten. Geschäftstüchtige Händler aus England, Irland, Deutschland, Holland etc. etablierten dieses System, um die wachsende Nachfrage (v.a. der englischen Aristokratie) nach Bordeaux-Wein zu bedienen. Daraus entstand das Quartier "Quai des Chartrons" am Garonne-Ufer, wo die Handelshäuser ansässig waren.
Was wurde 1855 in Bordeaux anlässlich der Weltausstellung erstellt, und auf welcher Basis?
1855 ließ NapoleonIII. eine Rangliste der besten Bordeaux-Weingüter für die Pariser Weltausstellung erstellen – die berühmte Klassifikation von 1855. Sie basierte auf den damaligen Marktpreisen der Weine. Aufgenommen wurden nur Médoc-Châteaus (Rotwein) plus Château Haut-Brion (Graves) sowie die Süßweingüter aus Sauternes/Barsac, eingeteilt in fünf (Rot) bzw. drei (Süß) Klassen.
Welches Château wurde 1973 in der 1855-Klassifikation hochgestuft?
Château Mouton-Rothschild (Pauillac) – ursprünglich als Deuxième Cru Classé gelistet – wurde 1973 zum Premier Cru Classé erhoben. Dies ist die einzige Änderung der Klassifikation von 1855 seit ihrer Einführung.
Welche Weinbaukrisen suchten Bordeaux im 19.Jahrhundert heim?
Ab 1852 breitete sich der Echte Mehltau (Oidium) in Bordeaux aus, kurze Zeit später (späte 1870er) folgten die Reblaus (Phylloxera) und der Falsche Mehltau (Peronospora). Diese Krankheiten dezimierten Erträge und bedrohten den Weinbau existenziell.
Wie wurde das Reblaus-Problem in Bordeaux letztlich gelöst?
Nach Jahren der Suche entdeckte man, dass das Pfropfen europäischer Reben auf reblausresistente amerikanische Unterlagsreben die Lösung ist. So konnte die Reblaus eingedämmt werden. (Übergangsweise wurden in der Krisenzeit minderwertige Mengen teils durch Wein aus Algerien aufgebessert.)
Warum wurde 1936 das Appellation-d’Origine-Contrôlée-System (AOC) in Frankreich eingeführt?
Um die Qualität und Authentizität der Weine nach den Krisenjahren sicherzustellen. In Bordeaux hatten Markteinbrüche (z.B. durch US-Prohibition) und Qualitätsprobleme (Panscherei, Rebkrankheiten) Vertrauen zerstört. Das AOC-System legte Herkunfts- und Produktionsregeln fest, um garantiert Qualitätsweine zu schaffen.
Welches Château füllte als erstes bereits 1924 selbst auf Flaschen, und warum?
Château Mouton-Rothschild begann 1924 mit der Flaschenabfüllung im Weingut (Mise en bouteille au Château). Dadurch sollte die Qualität und Herkunft garantiert werden, anstatt den Wein im Fass an Händler abzugeben, wo er eventuell gestreckt wurde.
Wann wurde die Flaschenabfüllung für klassifizierte Bordeaux-Güter verpflichtend, und was bewirkte dies?
1972 wurde für alle als Crus Classés klassifizierten Châteaux vorgeschrieben, ihre Weine selbst vor Ort in Flaschen abzufüllen. Dies stellte sicher, dass der Wein das Weingut in kontrollierter Qualität verlässt – heute ist Eigenabfüllung bei nahezu allen Betrieben üblich.
Warum wurde in den frühen 1970er Jahren das "en primeur"-System im Bordeaux-Handel eingeführt?
Weil die internationale Nachfrage (besonders in den USA) nach Bordeaux-Weinen stark anstieg, u.a. nach dem hervorragenden Jahrgang 1970. Enprimeur ermöglicht es den Châteaux, Weine schon kurz nach der Ernte (im Fassstadium) zu verkaufen, um früh Zahlungsfluss zu erhalten, während Käufer sich begehrte Weine vorab sichern können.
Wie funktioniert der en-primeur (Subskriptions)-Handel in Bordeaux?
Jedes Frühjahr nach der Ernte verkosten Kritiker (z.B. Robert Parker, Jancis Robinson) Fassmuster des neuen Jahrgangs und veröffentlichen Bewertungen. Daraufhin bieten die Châteaux ihre Weine (noch nicht abgefüllt) in einer ersten Tranche über Händler (Négociants) zum Kauf an. Kunden zahlen im Voraus und erhalten die Flaschen ca. zwei Jahre später. Oft werden die Weine in mehreren Tranchen verkauft, was Preisstaffelung ermöglicht.
Welche Vor- und Nachteile hat der en-primeur-Kauf für Käufer und Produzenten?
Vorteil: Käufer können rare Spitzenweine meist 5–15% günstiger beziehen, lange bevor sie regulär auf den Markt kommen; Winzer erhalten frühzeitig Cashflow und können das Marktinteresse testen. Nachteil: Die Qualität ist beim Kauf nur prognostiziert (Fassproben können vom Endprodukt abweichen); zudem kann der Marktpreis bei Veröffentlichung auch unter dem Subskriptionspreis liegen (z.B. Jahrgang1997).
Wie entwickelten sich Bordeaux-Weinpreise Ende der 1990er, und was versteht man unter der "Bordeaux-Blase"?
Angetrieben durch Spekulation im Subskriptionshandel stiegen die Preise für Bordeaux-Spitzenweine Ende der 90er exorbitant. Zwischen den en-primeur-Jahrgängen 2000 und 2005 verdoppelten sich die Preise im Schnitt (~107% Anstieg). Diese Überhitzung des Marktes wird als "Bordeaux-Blase" bezeichnet.
Welche Veränderung nahm ChâteauLatour 2012 am Vertrieb seiner Weine vor?
Château Latour zog sich 2012 aus dem en-primeur-System zurück. Anstatt Fassware im Voraus zu verkaufen, bietet Latour seine Weine erst an, wenn sie gereift und trinkreif sind. Dabei arbeitet das Weingut weiterhin mit den Handelshäusern zusammen, liefert jedoch nur ausgereifte Jahrgänge direkt an den Markt.
Wie wirkte sich Robert ParkerJr. auf den Bordeaux-Markt aus?
Der amerikanische Weinkritiker Robert Parker (The Wine Advocate) prägte seit den 1980ern die Nachfrage und Preise maßgeblich. Seine hohen Bewertungen – etwa des Jahrgangs1982, den er begeisterte – führten in den USA zu einem Bordeaux-Boom. In den 1990ern konnten hohe Parker-Punkte den Preis eines Weins stark beeinflussen.
Welcher neue Markt trat ab Mitte der 1990er Jahre als wichtiger Bordeaux-Käufer auf den Plan?
In den späten 1990ern stieg Ostasien, insbesondere China, zu einem bedeutenden Markt für Bordeaux-Weine auf. Die asiatische Nachfrage trieb die Preise – neben den USA – weiter in die Höhe, besonders bei Prestigeweinen.